Am Ende der letzten Tour gab es eine technische Panne mit dem lieben Bootje, der Gashebel verlor jeglichen Kontakt zum Motor - zum Glück erst ganz kurz vor dem Liegeplatz im Jachthaven T´Einde. Wir konnten ELAN von Hand in die Box legen (klick). Am 27. Juli fahre ich endlich mal hin, um mich der Sache anzunehmen. Falls die Vebindung zum Motor lose ist durch Probleme mit den Bowdenzügen müßte das doch auch für einen Nichtfachmann zu machen sein. Immerhin hatte es der Skipper vor ein paar Wochen mit der Motorentlüftung auch hinbekommen (klick). Ich mache es hier jetzt kurz: Es liegt offenbar nicht an den Bowdenzügen und ihrer Fixierung, sondern an einem Verschleiss der Verbindung des Hebels auf die Verstellwelle innerhalb des Schaltwerks am Cockpit.
Da ist jetzt nix dran zu machen. Ich vermute, dass das hier sogar komplett getauscht werden muß. Also Arbeit für einen Fachmann! Ich verweile noch eine Stunde an Bord, repariere noch fix die kleine hölzerne Treppenstufe runter in die vordere Kabine und plane den weiteren Aufenthalt. Ich bleibe nämlich über Nacht, ein Zimmer ist gebucht in der Pension Homeland auf dem alten Marinegelände am Oosterdok. Wer sich jetzt nur für das Bootje interessiert könnte abschalten - oder dranbleiben. Es kommen nämlich jetzt noch ganz feine Schilderungen ;-)
"Welkom op het Marineterrein" - auf diesem Gelände steht die Pension Homeland. Eigentlich wollte ich das Auto am Jachthaven stehen lassen und hierher mit dem kleinen Elektroklapprad fahren, ev. auf dem Weg auch Ersatzteile für ELAN kaufen. Ich fahre aber jetzt doch mit dem großen Kombi in die Stadt und stelle ihn im Parkhaus unter der Oosterdokskade ab. Von da sind es nur ein paar Meter bis zum Marineterrein und zum Ziel: Die ehemalige Unterkunft für Offiziere, seit 2015 konvertiert zu einem Restaurant und Hotel.
Ich bekomme ein Zimmer mit phantastischer Aussicht. Vom dritten Stock geht der Blick direkt auf das Oosterdok, die Replika der Amsterdam und der Museumshafen mit dem "Varend Erfgoed" liegen zum greifen nah. Dahinter die historische Silhouette der großen Wasserstadt.
Ein gekühlter Rose aus dem Languedoc steht bereit, besser geht kaum...
Das gesamte Gebäude mutet an wie eine Zeitkapsel, man hat die Einrichtung aus den 60er Jahren vollständig übenommen. Das hat Charme und Charakter - und ist absolut hochwertig in der Ausführung und damit auch zeitlos.
Im ersten Stock ist eine Ausstellung installiert mit erotischen Darstellungen aus der Schwulenszene.
Das Marineterrein befindet sich in einem Übergangsstadium. Es gehörte früher der Königlich Niederländischen Marine und wird heute nur noch teilweise militärisch genutzt. Bis in die 2010er Jahre war das noch anders. Das gesamte Gelände war auf Satellitenbildern gepixelt, es war eine geschlossene Stadt in der Stadt - "het land binnen de muren".
Hier ein seltenes Bild aus den 60er Jahren, aufgenommen aus der gleichen Perspektive wie heute mein Blick aus dem Zimmerfenster.
Entstanden ist der Komplex ursprünglich ab 1655 als Sitz der Admiralität, es war sozusagen der Kern der gesamten holländischen Seemacht und somit auch das operative und logistische Zentrum des Kolonial - und Handelsreiches im 17. Jahrhundert, dem Golden Eeuw. Amsterdam war der größte Hafen der Welt, hier wurden die Schiffe der gewaltigen Flotte gebaut, ausgerüstet, be- und entladen und traten ihre Reisen in monatelangen Fahrten an fernste Küsten in Indonesien, Japan und Nordamerika an.
Mit der Auflösung der Admiralität 1795 ging das Gelände in den Besitz der Marine über. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Schwerpunkt auf den Bau von zunehmend größeren Eisenschiffen, die Schleusen und Brücken auf ihrem Weg zum und vom Meer nicht mehr passieren konnten. Die Königliche Werft wurde schließlich nach Den Helder verlegt, die Marine blieb aber unter dem Namen Marine Etablissement Amsterdam am Ort. Neue Gebäude ersetzten die alten. Bis 2005 befand sich auf dem Gelände das Strategische Kommunikationszentrum.
Heute entwickelt man ein neues Stadtquartier, wie an so vielen Stellen in Amsterdam, wo auf der Basis von Altem viel buntes Neues entsteht. Die Hälfte des Marineterreins ist öffentliches Erholungsgebiet mit viel Grün. In den vorhandenen Gebäuden gibt es jetzt Forschungseinrichtungen, Kreativschaffende, Start-ups etc. und eben auch Gastronomie, wie mein Quartier, das Homeland.
Ich breche nochmal auf für einen kurzen Bummel, quere das Oosterdok auf der Brücke zur Oosterdokskade bis hin zu Centraal Station. Da flattert prominent die Regenbogenflagge und kündet vom World Pride Amsterdam in einer Woche. Das ist hier immer eine ganz große Sache, wir waren vor Jahren mal mit ELAN an einem solchen Wochenende in der Stadt (klick).
Ich hole mir beim Albert Heijn "to go" im Bahnhof ein paar Snacks, verweile kurz an der Promenade zum IJ hin und genieße die Abendstimmung. Ganz hinten Richtung Westen ist das Botel zu sehen, Ort einer denkwürdigen Geburtstagsübernachtung vor ein paar Wochen (klick).
Zurück auf dem Marineterrein finde ich eine schöne Sitzgelegenheit mit Tisch nah am Wasser, direkt gegenüber vom Nemo. Die besondere Architektur von Renzo Piano beeindruckt noch immer. ELAN ist hier schon in beide Richtungen oft vorbei gefahren. Das Dinner ist heute ein Sando, etwas Fertigsushi und dazu ein Cocktaildöschen Gin/Tonic. So einfach wie lecker an dieser besonderen Stelle.
Am Morgen grüßt früh die Sonne und ich blicke neidisch auf die Schwimmer unten im alten Hafenbecken. Das ist als richtiger Badeplatz hergerichtet, mit Plattformen, Badeleitern und abgeteilten Bahnen. Gern würde ich da jetzt mit rein, habe aber leider keine Schwimmhose mit.
Das große Frühstück im Homeland lasse ich aus, sondern halte bei Kometenbrood. Das ist ein kleines Bäckerei-Cafe auf dem Gelände...
...und genieße einen Kaffe mit sehr gutem Croissant.
Ich gehe kurz zum Auto, um den Rucksack zu verstauen, denn es gibt noch einen Programmpunkt für heute. Am Oosterdok liegt nicht nur der Museumshafen, sondern hier sind auch die Hotelschiffe festgemacht. Schon dreimal habe ich auf einem der alten umgebauten Pötte übernachtet (Klick).
Und auch ELAN war hier schonmal kurz festgemacht, was eigentlich nicht erlaubt ist. Das war im Juli 2018 auf der Mexikofahrt, als wir hier die Mexikaner wieder an Bord genommen haben (klick).
Auf dem Bild unten sieht man im Hintergrund das größte Gebäude auf dem Marineterrein, das ehemalige Magazin der Admiralität. Ein Riesenbau aus dem 17. JH., heute Heimat des Nationalen Scheepvaartsmuseums.
Da zieht es mich jetzt hin, schon lange wollte ich mir das mal anschauen. Was erstmal beindruckt: Der quadratische Innenraum, komplett mit einer futuristischen Glasüberdachung versehen.
Es gibt mehrere Ausstellungen, allesamt dem maritimen Thema verpflichtet. In der Daueraustellung geht es um Kartographie, die Geschichte des Amsterdamer Hafens, Schiffsmodelle und Schiffsschmuck sind zu sehen. Zentral ist unter dem Namen Republiek aan Zee die Formung der Niederlande zur maritimen Nation im 17ten und 18ten Jahrhundert. Dabei nimmt die kritische Darstellung des Kolonialismus, die brutale Inbesitznahme fremder Länder, der enorme Transfer von Reichtum breiten Raum ein.
An der Museumskade ist die Amsterdam festgemacht, eine Replika eines sogenannten Ostindienfahrers aus dem 17. Jh.
Gebaut wurde die Replika als Beschäftigungsinitiative für junge Arbeitslose im Jahr 1985. 1990 lief das Schiff dann zur Sail Amsterdam über das IJ in die Stadt ein (Bild unten) und liegt seitdem mit seiner wuchtigen optischen Präsenz vor dem Museum, was zu einem großen Anstieg der Besucherzahlen geführt hat. Umstritten war der Bau und die Zurschaustellung schon damals. Es wurde als „schwimmende Provokation“ empfunden und als „Verherrlichung von Raub, Unterdrückung und Sklavenhandel“ und Kritiker schlugen vor, das Schiff zu versenken. Stadtverwaltung und das Museum sahen das in 1990er Jahren noch anders. Das hat sich geändert: Heute wird mit Schautafeln über das Schiff eine andere Erzählung präsentiert und das Augenmerk auf das von der Ostindien-Kompanie verübte System der Ausbeutung gelenkt.